Spenden als Hilfe zur
Selbsthilfe
Spendenaufkommen der großen Non-Profit-Organisationen Deutschlands um sieben Prozent gestiegen
Von Oliver Numrich
Bereits vor einem Jahr waren die ersten Anzeichen der Krise
sichtbar, doch auf die Spendenfreudigkeit der Deutschen hat sich die nahende
Krise nicht ausgewirkt, wie die Spendenbilanz des Fundraising-Verbands zeigt.
Für die Spendenbilanz werden jedes Jahr deutsche Non-Profit-Organisationen nach
dem Beitrags-, Spenden- und Erbschafts-Aufkommen des Vorjahres befragt. Die
Umfrage hat ergeben: 2008 wurde in Deutschland sogar mehr gespendet als im Jahr
zuvor! Die teilnehmenden Organisationen verbuchten für das vergangene Jahr
Gesamteinnahmen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. Das entspricht einer Steigerung
um 7 Prozent gegenüber den Einnahmen von 1,31 Milliarden Euro in 2007.
Möglicherweise geht diese Steigerung auch auf die erleichterte
Absetzbarkeit von Spenden zurück, die von der Bundesregierung 2007 beschlossen
wurde. Eine Untersuchung von Sarah Borgloh für das Zentrum für Europäische
Wirtschaftsforschung unterstützt diese These. Die Studie hat ergeben, dass die
Spendenbereitschaft zwar in der Regel nicht proportional zum Einkommen wächst.
Denn pro Prozentpunkt Mehreinkommen steigt der Anteil der Spenden nur um 0,74
Prozent. Allerdings steigen die Spenden sehr deutlich mit den möglichen
Steuerersparnissen. So erhöht sich der vom Gehalt gespendete Anteil um
durchschnittlich 1,38 bis 1,54 Prozent, wenn die Steueranreize größer
werden.
Für die Spendenbilanz des Fundraising-Verbands haben insgesamt
55 Organisationen von „Aktion Deutschland hilft“ bis „Zukunftsstiftung
Entwicklungshilfe“ zum Stichtag 1. Oktober 2009 ihr Vorjahresergebnis gemeldet.
Die höchsten Einnahmen konnte das SOS-Kinderhilfswerk für sich verbuchen: 117
Mio. Euro – gut 2 Prozent mehr als 2007. Die geringsten Gesamteinnahmen aller
beteiligten Non-Profit-Organisationen gingen auf dem Konto des Global Nature
Fund ein: 332.758 Euro wurden für die Naturschutzorganisation in Radolfzell
gespendet. Es zeigt sich eine recht große Streuung der Einnahmen: 50 Prozent der
Spendenorganisationen erhielten letztes Jahr höchstens 12,5 Mio. Euro. Das große
Geld teilen einige wenige Organisationen unter sich auf. Dabei mussten die 22
Organisationen, deren Spendeneinnahmen von 2007 auf 2008 zurückgegangenen sind,
im Durchschnitt Einbußen von 7 Prozent hinnehmen. Demgegenüber stehen 32
Organisationen, die sich über Zugewinne von durchschnittlich 7 Prozent freuen.
Die drei Organisationen mit den größten negativen Veränderungen
bei den Gesamteinnahmen von 2007 auf 2008 sind:
- Deutsches Komitee für
UNICEF e. V., Köln (-25 %, von 85 auf 64 Mio. Euro),
- Global Nature Fund,
Radolfzell (-20 %, von 415.000 auf 333.000 Euro) und
- World Vision
Deutschland (-19 %, von 80 Mio. auf 65 Mio. Euro)
Die drei Organisationen mit den größten positiven Veränderungen
sind:
- Action Medeor (+54 %, von 5,6 Mio. auf 8,6 Mio. Euro)
- Deutsche
AIDS-Hilfe e. V. (+53 %, von 254.000 auf 388.000 Euro)
- Aktion Deutschland
hilft e. V. (+48,3 %, von 3,1 Mio. auf 4,6 Mio. Euro)
Der Anteil von Erbschaften an den Gesamteinnahmen Spenden
sammelnder Organisationen nimmt seit 2005 kontinuierlich zu. Waren 2005 noch 13
Prozent der Einnahmen auf Erbschaften zurückzuführen, so sind es 2008 bereits 17
Prozent. 2008 sind den untersuchten Organisationen insgesamt 185 Millionen Euro
in Form von Erbschaften zugegangen. Fünf der 55 Organisationen, die zum
Stichtag, am 1. Oktober 2009, Angaben machten, haben keinerlei Einnahmen in
diesem Feld zu verzeichnen. Die höchsten Erbschaftsbeträge, die einer einzelnen
Non-Profit-Organisation 2008 zuteil wurden, belaufen sich auf insgesamt 44,6
Mio. Euro. SOS-Kinderdorf war der Empfänger. Für diese Organisation sind hohe
Einnahmen aus dem Segment Nachlassmanagement üblich: 2007 erhielt die
Waisenkinder-Organisation bereits 45 Mio. Euro, 2006 und 2005 waren es ebenfalls
jeweils rund 40 Millionen. Der niedrigste Erbschaftsbetrag wurde von der
Organisation CCF Kinderhilfswerk Nürtingen e. V., mit 3.800 Euro verbucht. Der
Mittelwert der Einnahmen im Erbschaftsbereich im Jahr 2008 (für die
Organisationen, die im Erbschaftsmarketing Einnahmen verzeichneten und meldeten)
liegt bei 3,7 Mio. Euro. Der Median verdeutlicht auch hier die große Streuung
bei den Erbschaftseinnahmen: 50 Prozent der in der Spendenbilanz berücksichtigen
Organisationen mit Einnahmen im Erbschaftsmarketing erhielten im vergangenen
Jahr 780.000 Euro oder weniger Zuwendungen in diesem Segment.
Neben weiteren Einflussfaktoren, wie Aktualität eines
Spendenereignisses und die ihm zuteil werdende Medienresonanz, ist vor allem die
Identifikationsmöglichkeit des Spenders mit dem Spendenzweck entscheidend für
seine Aktivierung. Da unmittelbar im eigenen Umfeld erlebbare Missstände die
Anteilnahme erleichtern, ist eine sich verschärfende Wirtschaftskrise
möglicherweise dazu geeignet, die Spendenbereitschaft der Deutschen auch 2010
und darüber hinaus zu erhalten.
3,9 Prozent
mehr Spenden
Auch die „Bilanz des Helfens“ des Deutschen Spendenrats zeigt
positive Entwicklung
Die jährliche Spendenbilanz des Deutschen Spendenrats und der
GfK kommt ebenfalls zu einem positiven Ergebnis: Die „Bilanz des Helfens“ zeigt
eine Zunahme der Spenden um 3,9 Prozent (von 2007 auf 2008). Weitere wichtige
Ergebnisse sind:
- Der Anteil der Spender an der Gesamtbevölkerung blieb
nahezu konstant (2008: 12,9 %).
- Auch die durchschnittliche Anzahl der Spendenakte (2008:
6) blieb konstant.
- Die Höhe des durchschnittlichen Spendenbetrags je Spender
stieg um 4,3 Prozent auf 167,37 Euro.
- Der Anteil der Spenden für die Not- und Katastrophenhilfe
stieg von 33,2 Prozent in 2007 auf 35,1 Prozent in 2008.
- Die Einteilung der befragten Spender in Altersgruppen
zeigt, dass ein leichter Anstieg bei den über 50-jährigen Spendern stattfand.
Die Altersgruppen unter 50 spendeten 2008 weniger als 2007.
- Die am intensivsten gebende Altersgruppe sind Menschen
über 60 Jahre: Ihr Anteil hat sich von 2007 auf 2008 um 2,2 Prozent auf 55,3
Prozent aller Spender erhöht.
Unterschiede der beiden Studien
Die Versuche von Spendenrat und dem Deutschen Fundraising
Verband, die Entwicklung des Spendenmarkts zu beschreiben, sind schwer
miteinander zu vergleichen, da sie unterschiedlichen Ansätzen folgen. Der
Deutsche Fundraising Verband befragt Spenden sammelnde Organisationen, die GfK
untersucht Haushalte, die spenden. Darüber hinaus werden unterschiedliche
Teilbereiche des Spendenmarkts beleuchtet: So bezieht die „Bilanz des Helfens“
Geld-, Sach- und Zeitspenden ein, schließt aber
Unternehmensspenden und Erbschaften aus, während die Spendenbilanz des
Fundraising-Verbands keine Unternehmensspenden, Erbschaften und Schenkungen einrechnet.
|